„Ich würde ja gerne helfen, aber…“
Diesen Satz höre ich seit 2023, seit ich MHFA-Ersthelfer ausbilde, fast täglich. Wir sind eigentlich eine hilfsbereite Gesellschaft. Wir haben Mitgefühl. Wir haben Empathie. Und doch herrscht oft Stille, wenn es im direkten Umfeld psychisch brenzlig wird.
Warum ist das so? Warum schauen wir weg, wenn wir eigentlich hinsehen müssten?
Es ist nicht mangelnde Herzenswärme. Es sind drei massive Barrieren, die uns die Aufrichtung rauben, wenn andere sie am dringendsten brauchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Blockade im Kopf: Vorurteile
Wir schleppen immer noch Bilder mit uns herum, die in die Mottenkiste der Psychiatrie gehören.
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„Wer über Suizid spricht, will nur Aufmerksamkeit.“ *
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„Vor Psychotikern muss man Angst haben.“
Als Dozentin sehe ich es als meine Kernaufgabe, diese Vorurteile wegzupusten. Denn Vorurteile erzeugen Berührungsängste. Und wer Angst hat, ist blockiert. Wer blockiert oder unsicher ist, leistet keine kompetente Hilfe.
Wir müssen lernen, den Menschen hinter dem Zustand zu sehen – ohne die Brille alter Mythen.
2. Die Informationslücke: Jenseits von „Self-Care-Tipps“
Viele Menschen wissen schlichtweg nicht, was unser Gesundheitssystem außer der (oft unerreichbaren) ambulanten Psychotherapie zu bieten hat. Gutzureden, Floskeln oder hippe Tipps zur Selbstfürsorge helfen einer Person in einer echten Krise nicht weiter. Es braucht einen Blick über den Tellerrand. Wer den „Gesundheitsmarkt“ und konkrete Hilfsangebote kennt, gewinnt an Sicherheit. Substanz schlägt hier jedes „Wird-schon-wieder“-Gequatsche.
3. Die größte Hürde: Die Angst vor dem „Fehler“
Das ist der Hauptgrund für Stillstand oder Wegsehen: Die Angst, etwas Falsches zu sagen und die Lage zu verschlimmern. Besonders beim Thema Suizidialität herrscht große Verunsicherung. Viele glauben fälschlicherweise: „Wenn ich jemanden direkt auf Todeswünsche anspreche, bringe ich ihn erst recht auf die Idee.“ Das Gegenteil ist der Fall. Das offene Ansprechen ist oft der erste Moment der Entlastung in einem völlig überlasteten System.
Dazu kommt die Angst, sich selbst zu verlieren. Viele Menschen verstricken sich so sehr, dass sie ihre eigenen Belastungsgrenzen sprengen. Sie trauen sich nicht, Verantwortung abzugeben und entwickeln selbst Belastungen, obwohl sie es nur gut gemeint haben. Doch echte Hilfe braucht klare Grenzen.
Wissen schlägt Muskelkraft
Ein muskulöser Körper hilft dir nichts, wenn du nicht weißt, wie die stabile Seitenlage funktioniert oder? Genauso reicht ein mitfühlendes Herz nicht aus, um eine psychische Krise souverän zu navigieren.
Es braucht Wissen und Übung.
Ich spreche aus Erfahrung: 2022 saß ich selbst als Teilnehmerin in einem MHFA-Kurs. Heute bilde ich als Dozentin Menschen darin aus, unabhängig von Beruf oder Herkunft sicher, kompetent und unbestechlich Hilfe zu leisten. Das Ziel ist klar: Wir wollen unterstützen, bevor psychische Probleme chronisch werden.
Du kennst noch kein Konzept in Erster Hilfe bei psychischen Belastungen? Dann lies doch gerne hier nach, warum wir diese Form der Ersten Hilfe dringend brauchen.
Wie würdest du reagieren?
Stell dir vor, es passiert morgen in deinem Alltag:
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Dein Neffe kommt nicht mehr aus dem Bett, wirkt leer, schweigt aber beharrlich.
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Eine alleinerziehende Mutter sagt ihrem Sohn, er sei „besser dran ohne sie“.
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Deine Kollegin wirkt völlig überfordert und meldet sich ständig krank.
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Eine Freundin vertraut dir an, dass sie sich in ihrer Wohnung überwacht fühlt.
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Ein Kollege erscheint nach einer Trennung alkoholisiert zur Arbeit.
Hast du eine Antwort? Oder spürst du das Zögern?
Mehr MIT-einander, statt aneinander vorbei
In meinen MHFA-Kursen finden wir fachlich fundierte Antworten auf diese Szenarien. Wir trainieren den Ernstfall: Von Panikattacken bis hin zu lebensmüden Gedanken.
Mit dieser Ausbildung sorgst du nicht nur für die Sicherheit der Betroffenen. Du sorgst für ein besseres Miteinander. Für einen ehrlichen, transparenten und wertschätzenden Umgang, der ohne Masken auskommt.
Ich bin fest davon überzeugt: In einer Zeit, die immer schneller und lauter wird, brauchen wir dringend wieder Menschen, die stehen bleiben, wenn es schwierig wird. Menschen mit Standing.
Bist du bereit, Ersthelfer zu werden?





