Wenn ich heute das Wort „Selbstfürsorge“ höre, möchte ich manchmal laut seufzen. In den sozialen Medien ist der Begriff zu einer Art „Wellness-Pflaster“ verkommen: Ein heißes Bad, eine Duftkerze oder ein teures Spa-Wochenende sollen die Antwort auf eine chronische Erschöpfung sein.
Als Psychologin sage ich dir: Das ist keine Selbstfürsorge. Das ist oberflächliche Schadensbegrenzung, während das Fundament deines Lebens bereits Risse hat. Echte Selbstfürsorge ist oft verdammt unbequem. Sie ist kein nettes Extra, sondern die unbestechliche Arbeit an deiner inneren Aufrichtung.
Inhaltsverzeichnis
Das Missverständnis: Selbstfürsorge ist keine Belohnung
Die meisten Menschen nutzen Selbstfürsorge fälschlicherweise als Belohnungssystem für übermäßiges Funktionieren. „Ich habe die ganze Woche meine Grenzen ignoriert, jetzt ‚gönne‘ ich mir eine Massage.“ Hier übernimmt ein Antitypen das Kommando: Die Funktionierende. In diesem Muster dient die Pause nur dazu, das System gerade so weit „hochzufahren“, dass es am Montag wieder reibungslos abliefern kann. Das ist keine Wertschätzung seiner Selbst, sondern eine Wartung einer Maschine. Wenn du Selbstfürsorge so verstehst, bleibst du im Hamsterrad gefangen.
Selbstfürsorge als Fähigkeit zur Aufrichtung
Wahre Selbstfürsorge ist die bewusste Verbindung zwischen deiner Identität, deiner Vision und deiner Vitalität. Sie ist das Werkzeug, das deine innere Balance aufrechterhält. Ich unterteile sie in drei wesentliche Säulen:
1. Fähigkeit: Wahrnehmung
Selbstfürsorge ist eine dir angeborene, natürliche Fähigkeit.
Es ist deine lebensbejahende und lebenserhaltende Fähigkeit, die jede Tätigkeit einschließt, um dein Wohlbefinden und deine Gesundheit aufrecht zu erhalten, zu fördern, wiederherzustellen oder zu verbessern.
Selbstfürsorge ist deine Fähigkeit, deine Ressourcen achtsam und bewusst zu verteilen. Sodass du nicht Raubbau an deiner Lebenskraft betreibst, sondern dafür sorgst, dass du ausreichend Lebensenergie, Lebensqualität und Vitalität für die Bewältigung deines jetzigen und zukünftigen Lebens hast.
Selbstfürsorge als Fähigkeit ist dein Indikator dafür, ob dein Leben, dein psychisches und körperliches Wohlbefinden und deine Ressourcen noch im Gleichgewicht sind.
Selbstfürsorge ist evolutionsbiologisch extrem wichtig. Ich gebe dir ein simples Beispiel:
Einer Katze siehst du ihre Selbstfürsorge regelrecht an. Solange sie für sich selbst sorgt, sorgt sie für den Erhalt ihrer Ressourcen und ihrer Lebensqualität. Das merkst du im Außen vor allem daran, wie gründlich sie ihr Fell pflegt. Aber was ist los mit einer Katze, die sich nicht mehr pflegt und nicht mehr für sich sorgt? Bei so einer Katze wirst du schnell feststellen, dass etwas nicht stimmt. Eine Katze, die ihre Fellpflege vernachlässigt, die nicht mehr richtig frisst, keinen Antrieb mehr hat oder nicht mehr spielen mag, ist höchstwahrscheinlich krank. Bei dieser Katze ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. So ist es bei vielen anderen Tieren auch. Der Mensch ist dafür keine Ausnahme…
Du kannst nicht für dich sorgen, wenn du dich selbst nicht spürst. Viele von uns leben in einer permanenten inneren Funkstille. Wir merken erst, dass wir durstig sind, wenn wir Kopfschmerzen haben. Wir merken erst, dass wir am Limit sind, wenn der Körper mit einem Infekt streikt.
2. Strategie: Souveräne Führung
Hier wird es strategisch. Selbstfürsorge bedeutet, die Führung deines Lebens wieder selbst in die Hand zu nehmen. Es geht um die unbestechliche Entscheidung, was in dein Leben darf und was nicht. Eine Strategie ist ein bewusst ausgeführtes Verhalten, das zu einem bestimmten Zweck dient.
Ich bin sicher, ähnliche Tipps für Selbstfürsorge kennst du:
- Schreibe täglich Dankbarkeitstagebuch.
- Tue täglich etwas, das dir Freude bereitet.
- Kreiere dir ein Morgenritual und starte bewusst in den Tag.
- Fange an zu meditieren.
Ist das schon Selbstfürsorge? Ja, das ist es. Aber nur ein Bruchteil davon. Diese Beispiele beziehen sich auf konkrete Strategien, um Selbstfürsorge in deinem Alltag ins aktive Tun umsetzen zu können.
Selbstfürsorge ist aber nicht bloß eine Strategie. Und das aus einem einfachen Grund:
Es gibt Strategien, die einen selbstfürsorglichen Anteil haben. Aber genauso gibt es Strategien, die eher selbstsabotierend oder selbstschädigend sein können. Es gibt viele Strategien, die nach Selbstfürsorge aussehen, aber in Wahrheit z.B. dazu dienen:
- Ein Suchtverhalten zu bedienen (Schnell eine Kippe rauchen, weil der innere Druck so groß wird.)
- Sich selbst nicht mehr zu spüren (Abends mal 3 Gläschen Wein genießen.)
- Selbstoptimierung zu betreiben (Aus Prinzip nur vegan ernähren, weil es als gesund gilt.)
- Wirklich wichtige Aktivitäten zu vermeiden (Lieber 1 Stunde lang meditieren, als mit dem Partner den Streit zu klären.)
- Gewohnheiten zu bedienen (Freitagnacht bis 4.00 Uhr morgens zocken, trotz Übermüdung.)
3. Innere Haltung: Verantwortung für die eigene Präsenz
Selbstfürsorge bedeutet, dass du dir als Individuum die Freiheit einräumst ein ganz normaler Mensch zu sein.
Du bist verletzlich und verwundbar. Zu dir gehören Ecken und Kanten. Du hast Grenzen – emotional und körperlich.
Selbstfürsorge bedeutet, dass du dir erlaubst, all das zu sein. Dass du ohne Strenge, ohne Härte und ohne eine fremde Autorität auf dich blickst.
Selbstfürsorge ist deine Stärke, dir einzugestehen verwundbar, müde, überfordert, gereizt, bedürftig und ganz einfach menschlich zu sein.
Selbstfürsorge ist deine Haltung deiner Menschlichkeit gegenüber. Es ist eine Haltung mit Güte, Nachsicht, Realismus und Achtung.
Selbstfürsorge ist kein Luxusgut, sondern eine Notwendigkeit für echte, gesunde Leistung. Mit MindShift begleite ich Menschen dabei, diesen inneren Schalter umzulegen: Weg vom „Aushalten“ (der falschen Resilienz), hin zum aktiven Gestalten deiner Lebensbedingungen.
Du kannst nichts damit anfangen? Hier ist der Grund:
So, jetzt denkst du vielleicht: „Aha, hat die ja toll erklärt. Aber ich kann nichts damit anfangen.“
Oder dir drängt sich der Gedanke auf: „Na herzlichen Glückwunsch. Dann hab ich wohl diese Fähigkeit nicht.“
Und ich kann dir auch sagen, woran das Problem liegt:
Du hast die Veranlagung zur Selbstfürsorge. Du kannst auch diese Haltung leben. ABER wäre da nicht unsere Sozialisierung gewesen.
Wie lernen wir Selbstfürsorge?
- Indem wir von klein auf beigebracht bekommen, dass wir diese Fähigkeiten besitzen. Es braucht jemanden, der dich darauf hinweist, dass du etwas kannst und der auch daran glaubst, dass du es kannst.
- Indem wir positive Vorbilder haben, die uns diese Fähigkeiten vorleben und in uns die Einsicht wecken, dass diese Fähigkeiten sinnvoll sind. Wir übernehmen (unbewusst) Muster unserer Vorbilder und der Menschen, denen wir eine gewisse Autorität über uns geben.
- Indem wir unsere Fähigkeiten auch anwenden, trainieren und fördern. Und uns dabei gut fühlen, etwas mit diesen Fähigkeiten zu bewirken und damit gewisse „Ergebnisse“ zu erzielen.
Mit Selbstfürsorge ist es eben nicht wie mit Fahrrad fahren. Es reicht nicht, dass einer dir Selbstfürsorge beibringt und dann kannst du es für den Rest deines Lebens.
Nun merkst du vielleicht, was bei deiner Selbstfürsorge nicht gut gelaufen ist. Vermutlich ähnlich wie bei mir. Mir hat niemand beigebracht, wie ich fürsorglich mit mir umgehe. Ich habe eher gelernt mich anzupassen und für andere Menschen zu sorgen. Ihre Erwartungen zu erfüllen und ihren Ansprüchen gerecht zu werden.
Selbstfürsorge war nie richtig Thema und wenn, dann eher mit einer moralischen Erziehungs-Keule wie:
- „Kämm dir die Haare. Du willst doch ein hübsches Mädchen sein oder?“
- „Iss den Teller auf, sonst gibt es morgen schlechtes Wetter.“
- „Wie du legst dich in deinem Alter mittags hin? Du bist zu jung für einen Mittagsschlaf!“
Tja… es hätte ja auch heißen können: „Schau mal, wie schön deine Haare sind. Komm, ich zeige dir, wie du sie kämmst. Es ist ganz toll, wenn du deine Haare so gut behandelst.“ Oder: „Warum möchtest du nicht aufessen? Bist du satt oder schmeckt es nicht?“ Oder „Möchtest du dich hinlegen? Ja, mach das. Dann bist du noch für den Rest des Tages fit.“ Naja oder so ähnlich. Ich denke, du weißt, was ich meine.
Was du hier lernen kannst (und musst)
Selbstfürsorge ist kein Zustand, den man erreicht, sondern eine Haltung und Fähigkeit, die man trainiert. Wenn du dich ernsthaft mit deiner Aufrichtung beschäftigst, lernst du:
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Deine Antitypen zu entlarven: Du merkst, wann die „Perfektionistin“ aus dem Yoga einen Leistungssport macht oder wann die „Retterin“ sich nur um sich kümmert, um „endlich wieder für andere da sein zu können“. Du lernst, diese dysfunktionalen Masken abzulegen.
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Deinen inneren Kompass zu eichen: Du lernst zu unterscheiden: Brauche ich gerade passive Entspannung (Schlaf, Ruhe) oder aktive Regeneration (Inspiration, Bewegung, Austausch)?
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Ehrlichkeit gegenüber deiner Belastung: Du lernst, die „Lüge der schlechten Phase“ zu beenden und rechtzeitig innezuhalten, bevor die psychische Belastung chronisch wird.
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Die Rückkehr zur Balance: Du lernst, dass du wertvoll bist, während du atmest, nicht erst, wenn du etwas geleistet hast.
Fazit: Zurück zur Aufrichtung
Vergiss die Schaumbäder, wenn dein Leben eigentlich eine klare Entscheidung braucht. Selbstfürsorge ist die tägliche Praxis in Verantwortung und Aufrichtung. Es ist der Mut, die eigenen Bedürfnisse so ernst zu nehmen, dass man bereit ist, den Preis der Veränderung zu zahlen.
Bevor du diesen Artikel wieder verlässt, möchte ich dir einige Gedankenanstöße mitgeben:
- Aus diesem Artikel musst du nicht lernen, WIE du für dich selbstfürsorglich sein kannst.
- Du musst das auch nicht in einer Woche können. Vergiss bitte MÜSSEN, nur weil du überall liest oder hörst, wie sinnvoll es ist. Nimm bitte den Druck raus.
- Nimm erstmal mit, dass du die Veranlagung zur Selbstfürsorge in dir trägst. Du bist kein hoffnungsloser Fall! Deine Fähigkeit zur Selbstfürsorge ist dir angeboren, weil sie lebensnotwendig ist. Nur weil du sie nicht spürst, heißt es nicht, dass du unfähig dazu bist. Es heißt, dass niemand bisher diese Fähigkeit in dir zu Tage gefördert hast.
- Wenn du bis jetzt eine eher negative Haltung zur Selbstfürsorge hattest (z.B.: „Das ist egoistisch.“), ist das verständlich. Daran gibt es nichts zu verurteilen. Denn deine Haltung ist wahrscheinlich ein Resultat deiner Sozialisierung. Deiner Erziehung. Deiner Prägung. Aber das heißt nicht, dass du für den Rest deines Lebens so denken musst. Erlaube dir, offen für eine neue Haltung zu werden. Vielleicht nicht jetzt gleich, aber vielleicht in naher Zukunft. Vielleicht kannst du bald eine etwas andere Sichtweise entwickeln. Und ich garantiere dir, das wird der erste Schritt sein, dass du deine Fähigkeit zur Selbstfürsorge an dir entdeckst.
Ich danke dir für deine Zeit und Aufmerksamkeit!
Tatjana





